Medikamente stoßen bei Demenz und Parkinson an Grenzen. Genau hier setzen nicht medikamentöse Therapien an: kognitives Training, kognitive Stimulation, Bewegung und Aufklärung. Im Semifobi Dozententalk erklärt Dr. Ann-Kristin Folkerts, die an der Uniklinik Köln zu diesen Ansätzen forscht, wie kognitive Diagnostik und kognitives Training zusammenhängen und was Ergotherapeut:innen und Logopäd:innen direkt in ihre Praxis mitnehmen können.
Die Kapitel des Videos im Überblick
- 0:00 Vorstellung von Dr. Ann-Kristin Folkerts
- 1:24 Wie sie zu den kognitiven Interventionen kam
- 3:12 Wie sich ihr Blick auf Kognition und Therapie verändert hat
- 4:35 Diagnostik und Training: Wie hängt das zusammen?
- 6:15 Synergien von Ergotherapie, Logopädie und Neuropsychologie
- 8:08 Vernetzung im Praxisalltag
- 9:04 Seminare: Mit Diagnostik oder Training einsteigen?
- 10:11 Seminar: Kognitive Diagnostik mit DemTect und MoCA
- 11:48 Screening bei Sprach-, Kultur- und Sinnesbarrieren
- 13:05 Was Teilnehmende aus dem Diagnostikseminar mitnehmen
- 14:40 Seminar: Kognitives Training und kognitive Stimulation
- 16:53 Training oder Stimulation? Es kommt auf die Zielgruppe an
- 18:04 Konkrete Übungen, Formate und digitale Angebote
- 20:36 Screening und Training nicht zur Pflichtübung machen
- 22:35 Typische Missverständnisse bei Screening-Ergebnissen
- 23:42 Woran du den richtigen Moment für ein Seminar erkennst
Nicht medikamentöse Therapien: Die Bausteine kommen zusammen
Dr. Folkerts forscht seit über zehn Jahren an der Uniklinik Köln, im Institut für Medizinische Psychologie, zu Prävention und Therapie kognitiver Störungen. Ihre Schwerpunkte sind kognitives Training, körperliche Aktivität und psychosoziale Ansätze zur Krankheitsbewältigung.
In den letzten Jahren, so ihr Eindruck, wachsen diese Themen zu einem Gesamtkonzept zusammen. Ein isoliertes kognitives Training reicht demnach nicht aus. Wichtig sind auch Edukation und Wissen, damit Menschen mit einem erhöhten Demenzrisiko selbst etwas im Alltag verändern: den Lebensstil anpassen, mehr geistige Aktivität einbringen, mehr Sport und Bewegung machen. Bei Parkinson ist das ebenfalls zentral.
Kognitive Diagnostik und kognitives Training gehören zusammen
Für Dr. Folkerts ist die Diagnostik der Therapie vorgeschaltet. Dazu zählt die kognitive Diagnostik ebenso wie die Erfassung von Risikomarkern: Welches Profil bringt die Person mit, ist sie geistig und körperlich schon aktiv, wo lässt sich ansetzen? Zugleich begleitet die Diagnostik die Therapie, weil sie Verläufe sichtbar macht und zeigt, was überhaupt trainiert werden sollte.
Ergotherapie, Logopädie und Neuropsychologie: Gemeinsam statt nebeneinander
In allen drei Berufsgruppen kommen kognitive Ansätze zum Einsatz. Dr. Folkerts wünscht sich deshalb mehr Kommunikation, damit sich die Synergien ausschöpfen lassen: Die Ergotherapie setzt vielleicht einen Schwerpunkt, die Logopädie einen anderen, die Neuropsychologie schaut auf psychosoziale Fragen, und das Training bleibt in der Ergotherapie oder Logopädie. Für sie gehören alle Berufe in die Therapie, keiner ist besser oder schlechter zu stellen.
In Kliniken gelingt die Abstimmung über Fallkonferenzen und Teammeetings leichter. Im ambulanten Bereich, wenn Patient:innen mehrere Verordnungen haben, ist sie schwierig. Dafür braucht es nach ihrer Einschätzung noch Konzepte, um zu einer ganzheitlicheren Versorgung zu kommen.
Kognitive Screenings mit DemTect und MoCA
Im Diagnostikseminar stellt Dr. Folkerts zwei Verfahren vor: DemTect und MoCA. Sie hat sie gewählt, weil sie leicht zugänglich sind und wenig kosten, weit verbreitet sind und in Leitlinien empfohlen werden. Der MoCA ist frei verfügbar, für den DemTect gibt es nach ihrer Aussage inzwischen wieder einen kostenfreien Weg. Den Mini-Mental-Status-Test erwähnt sie ebenfalls. Er lässt sich für die Verlaufsdiagnostik nutzen, ist für leichte kognitive Störungen aber oft zu einfach.
Wichtig ist ihr: Mit den Screenings machen Therapeut:innen eine Bedarfsdiagnostik für die Therapie, in der die Patient:innen gerade stehen. Sie stellen damit keine Diagnose, auch keine Demenzdiagnose. Wer unsicher ist, ob das erlaubt ist, kann sich im Seminar mit Fallbeispielen dazu austauschen.
Beide Verfahren sind sprachlastig und verlangen teils motorische Fähigkeiten. Deshalb gibt das Seminar einen Ausblick auf möglichst barrierefreie, nichtsprachliche und kulturfaire Ansätze, etwa für Menschen, die kaum Deutsch sprechen, motorisch beeinträchtigt sind oder eine Aphasie haben. Das Seminar umfasst vier Unterrichtseinheiten. In Breakout-Sessions testen die Teilnehmenden die Tools aneinander aus.
Kognitives Training oder kognitive Stimulation?
Begriffe wie Gedächtnistraining, Hirnjogging oder Gehirntraining sind nicht geschützt. Fachlich unterscheidet man inzwischen zwei Ansätze.
Die kognitive Stimulation wird vor allem bei Menschen mit leichter bis mittelgradiger Demenz eingesetzt. Sie arbeitet indirekt und spielerisch, meist in kleinen Gruppen, mit Biografiearbeit, Musik, Bewegung, Entspannung und Sinnesanregung. Oft geht es nicht um Verbesserung, sondern darum, den Verlauf zu verlangsamen und ein Plateau möglichst lange zu halten.
Das kognitive Training richtet sich eher an Menschen, die präventiv etwas tun wollen oder eine leichte kognitive Störung haben. Hier werden gezielt Funktionen wie Aufmerksamkeit und Gedächtnis geübt, mit Papier und Bleistift oder digital.
Konkrete Übungen und digitale Angebote für die Praxis
Im Seminar zeigt Dr. Folkerts Übungen mit Papier und Bleistift, Beispiele aus der NEUROvitalis-Reihe, deren Co-Autorin sie ist, und digitale Angebote wie NeuroNation, eine digitale Gesundheitsanwendung (DiGA), die sich nach ihrer Aussage verordnen lässt. Sie gibt außerdem Hinweise, woran sich in den App-Stores wissenschaftlich fundierte und wirksame Angebote erkennen lassen.
Ihr ist wichtig, dass die Angebote leicht zu bekommen sind und wenig Vorbereitung brauchen. Dazu gehört die gemeinsame Reflexion: Was machen die Teilnehmenden schon in ihrer Praxis? Der kollegiale Austausch bringt auch für sie selbst in jedem Seminar neue Ideen.
Keine Pflichtübung: Therapiezeit gezielt einsetzen
Die Zeit in einer Therapieeinheit ist begrenzt. Dr. Folkerts rät deshalb abzuwägen, wie viel Diagnostik nötig ist und für wen sie sinnvoll ist, zum Beispiel wenn Patient:innen selbst berichten, dass ihnen etwas an sich auffällt. In der Ergotherapie kann man sich fragen, ob gerade Leistungstraining oder alltagsnahes Training im Vordergrund steht. Auch diesen Gedanken nimmt sie ins Seminar auf.
Wann ist ein guter Moment für eine Fortbildung?
Viele Teilnehmende berichten, dass sie immer mehr ältere Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen bis hin zur Demenz behandeln. Die Zielgruppe wächst, und damit der Bedarf an Fortbildung. Hinzu kommt der Wunsch nach Aktualität: ein Update von jemandem aus der Forschung. Dr. Folkerts verweist auch auf die neuen Leitlinien der WHO zum Umgang mit Risikofaktoren für Demenz, die geistige Aktivität noch einmal unterstreichen.
Ihr Schlusswort: Nicht medikamentöse Therapien sind nicht zu unterschätzen.
Die Seminare von Dr. Ann-Kristin Folkerts bei Semifobi
- Kognitive Diagnostik bei Patient:innen mit Demenz, leichten kognitiven Störungen, Parkinson oder anderen neurologischen Erkrankungen (Online-Seminar)
- Kognitives Training & kognitive Stimulation bei Demenz, Parkinson, neurologischen Patient:innen (Online-Seminar)
Aktuelle Termine und Anmeldung findest du auf den jeweiligen Seminarseiten.
