Die Übungen sitzen, die Diagnostik stimmt, und trotzdem verändert sich die Stimme nicht. Wer in der Stimmtherapie arbeitet, kennt diese Situation. Oft liegt die Ursache im Zusammenspiel von Stimme und Nervensystem. Im Semifobi Dozententalk erklärt Sabrina Wunderlich, Logopädin, psychologische Beraterin und Gründerin des StimmWERT-Konzepts, wie Stress und belastende Erfahrungen stimmliche Muster prägen und was Therapeut:innen im Praxisalltag tun können.
Die Kapitel des Videos im Überblick
- 0:00 Begrüßung und Vorstellung
- 0:48 Vier Monate ohne Stimme: Was sich veränderte
- 2:17 Stimmverlust ohne körperliche Ursache
- 2:47 Vom Stimmverlust zu Logopädie und psychologischer Beratung
- 3:43 Was ist StimmWERT?
- 4:38 Stimme als hörbarer Ausdruck innerer Kohärenz
- 5:53 Wo funktionelle Stimmtherapie an Grenzen stößt
- 7:59 Seminar: Persönlichkeit ist hörbar und StimmWERT im Überblick
- 9:52 Wann ist der richtige Zeitpunkt für die Seminare?
- 11:20 Stimme und Nervensystem im Praxisalltag
- 13:56 Seminar: Erst regulieren, dann üben
- 15:56 Seminar: Das erwartet dich bei StimmWERT
- 17:08 Praxisübung: Orientierung
- 18:06 Körper und Stimme: osteopathische Prinzipien
- 19:12 Psychologische Aspekte einbeziehen, ohne in die Psychotherapie zu rutschen
- 20:41 Was Teilnehmende aus den Seminaren mitnehmen
- 21:48 „Meine Stimmtherapie reicht mir doch“
- 22:27 Das Gesamtpaket und der Mehrwert
- 24:05 Haltung zum Schluss
Vier Monate ohne Stimme: Wie StimmWERT entstand
Sabrina Wunderlich hat selbst erlebt, was es heißt, die Stimme zu verlieren. Nach einer Kehlkopfentzündung kam die Stimme nicht zurück, die Diagnose lautete psychogene Aphonie. Vier Monate dauerte dieser Einschnitt. Vorher, sagt sie, sei ihr Stimme gar nicht bewusst gewesen: „Ich habe sie benutzt.“ Danach war klar, dass Stimme mehr ist als ein Kommunikationsmittel. Die Ursachen lagen in Trauma, familiären Strukturen, einer dysfunktionalen Partnerschaft und einer Arbeitssituation, die nicht zu ihr passte. Um die Stimme zurückzubekommen, musste sie diese inneren Themen angehen.
Aus der Begleitung durch ihre Atem-, Sprech- und Stimmlehrerin und eine Psychotherapeutin entstand der Wunsch, genau diese Verbindung beruflich zu leben. Erst danach folgten die Ausbildung zur Logopädin und die zur psychologischen Beraterin. StimmWERT ist das Ergebnis dieses Weges.
StimmWERT: Vier Schritte, vier Buchstaben
Das Konzept steht nicht nur für den wahren Wert der Stimme, die vier Buchstaben WERT beschreiben auch die vier Schritte, die Sabrina Wunderlich mit ihren Patient:innen geht: wahrnehmen, was ist, entdecken in Form von Übungen und Techniken, die Stimme mit Körper, Seele und Geist rückverbinden, und schließlich Transformation und Transfer in den Alltag.
Stimme als hörbarer Ausdruck innerer Kohärenz
Kohärenz meint die innere Stimmigkeit. Passen Denken, Fühlen und Handeln zusammen, zeigen sich in der Regel keine stimmlichen Themen, die Stimme ist klar, voll und präsent. Passt es nicht zusammen, entstehen Symptome wie Heiserkeit, Kratzen, Enge oder ein Kloß im Hals. Für Sabrina Wunderlich bringt die Stimme deshalb zum Ausdruck, was im Inneren zusammenpasst oder eben nicht.
Stimme und Nervensystem: Warum Dauerstress die Stimme prägt
Kehlkopf und Stimme werden vom Vagusnerv mitversorgt, darin liegt die Verbindung zum Nervensystem. Ist der Sympathikus dauerhaft aktiv, steigt auch der Muskeltonus. Enge, Spannung und Druck folgen, und damit viele Stimmsymptome. Je schnelllebiger der Alltag wird, desto wichtiger ist es laut Sabrina Wunderlich, diese Zusammenhänge in der Stimmtherapie mitzudenken. Ihre Formel dazu lautet: Stimme ist hörbares Nervensystem.
Das Nervensystem lesen lernen
Wie erkenne ich, ob hinter einem Stimmproblem innere Anteile stecken? Sabrina Wunderlich ist überzeugt, dass nahezu jedes Stimmsymptom solche Anteile hat. Erkennbar werden sie, wenn Therapeut:innen das Nervensystem ihres Gegenübers lesen: Wirkt jemand reguliert und ausgeglichen, oder sehr aktiviert, angespannt oder in einem Freeze-Zustand? Aus ihrer Sicht gehört diese Erweiterung des Repertoires für jede Stimmtherapeutin und jeden Stimmtherapeuten in die Ausbildung, um zu entscheiden, aus welchem Werkzeugkoffer man sich gerade bedient.
Erst regulieren, dann üben
Ein aktiviertes Nervensystem hat keine Aufnahmekapazität, es sieht überall nur Gefahr. Deshalb arbeitet Sabrina Wunderlich in der Stunde zuerst regulierend, bevor die eigentlichen Übungen starten. Sie betont: „Wir arbeiten nicht an Trauma.“ Es geht darum, Anzeichen zu erkennen. Und weil die eigene Haltung ein entscheidender Faktor ist, müssen sich Therapeut:innen zuerst selbst regulieren können.
Eine ihrer Lieblingsübungen ist die Orientierung: Die Patientin oder der Patient spürt den Stuhl und die Füße auf dem Boden und benennt fünf Dinge, die er im Raum sieht. Damit ist die Aufmerksamkeit im Hier und Jetzt und die Terminplanung oder die Einkaufsliste rückt in den Hintergrund.
Körper und Stimme gehören zusammen
Sabrina Wunderlich arbeitet mit osteopathischen Prinzipien. Alles hängt miteinander zusammen: Eine Fehlstellung im Becken kann ein Thema im Zungenbein nach sich ziehen, und sitzt das Zungenbein nicht gut, kann sich das im Kehlkopf zeigen. Schon mit kleinen, gut erlernbaren Handgriffen lässt sich auf körperlicher Ebene viel bewegen.
Psychologisch arbeiten, ohne in die Psychotherapie zu rutschen
Die Grenze ist ihr wichtig: Es geht nicht darum, Traumata zu hinterfragen oder tief in sie einzusteigen. Das ist nicht der Bereich von Stimmtherapeut:innen. Es geht darum, körperliche Reaktionen als Hinweis zu erkennen und dann feinfühliger und achtsamer zu arbeiten, immer zuerst regulierend. In beiden Seminaren gibt es dazu einen klaren Leitfaden, an dem sich ablesen lässt, wo die eigenen Grenzen liegen und wann weitergeleitet werden muss.
Zwei Seminare, ein gemeinsames Fundament
Beide Seminare bauen auf Traumawissen und Nervensystemwissen auf. „Persönlichkeit ist hörbar!“ ist ein Online-Seminar mit viel Theorie und legt die Basis: Was ist Trauma, was ist das Nervensystem, was müssen Therapeut:innen wissen? „StimmWERT!“ geht in die Tiefe und in die Praxis. Das zweitägige Seminar zeigt das gesamte Konzept, beginnt mit der Arbeit am eigenen Nervensystem und führt dann in die direkte Umsetzung, auch im Sehen: Was nehme ich wahr, und wie ordne ich es ein? Am besten startest du mit „Persönlichkeit ist hörbar!“. Passt der Termin von „StimmWERT!“ besser, kannst du auch damit beginnen, denn die wichtigsten Basics werden wiederholt.
Der richtige Zeitpunkt ist laut Sabrina Wunderlich gekommen, wenn Patient:innen immer wieder mit denselben Themen kommen, die Übungen in der Stunde funktionieren, der Transfer nach Hause aber nicht gelingt, und wenn du selbst bereit für die tiefere Arbeit bist. Denn sie bringt auch eigene Entwicklung mit sich.
Was du aus den Seminaren mitnimmst
Teilnehmende sagen am Ende häufig: „Das sehen wir ja eigentlich alles täglich.“ Dazu kommt, dass sie in den kleinen Übungen sofort bei sich selbst eine Veränderung spüren. Das Wissen aus Trauma, Nervensystem und Osteopathie ist auf die Stimmtherapie abgestimmt, nicht das große Ganze, sondern das, was du wirklich brauchst. Und es gilt nicht nur für die Stimmtherapie: Es ist Basiswissen für jede Therapiestunde.
Ihre Haltung zum Abschluss: große Demut und der Satz „Ich weiß, dass ich nichts weiß.“
Die Seminare von Sabrina Wunderlich bei Semifobi
- Persönlichkeit ist hörbar! (Online-Seminar) [LINK ERGÄNZEN, sobald die Seminarseite veröffentlicht ist]
- StimmWERT! (zweitägiges Seminar)
Aktuelle Termine und Anmeldung findest du auf den jeweiligen Seminarseiten.
