Neurologische Erkrankungen wie Parkinson, ALS, MS, Myasthenia gravis oder GBS stellen die Sprachtherapie vor besondere Aufgaben. Im Semifobi Dozententalk erzählt Andrea Schwindt, Sprachtherapeutin in der Akutneurologie am Klinikum Hanau, wie du Krankheitsbilder erkennst, unterscheidest und Betroffene sprachtherapeutisch begleitest.
Die Kapitel des Videos im Überblick
- 0:00 Begrüßung
- 0:37 Vorstellung: Andrea Schwindt und die Akutneurologie
- 1:31 Wie Andrea Dozentin wurde
- 2:44 Akutphase und Reha im Vergleich
- 4:31 Was Parkinson, ALS, MS, Myasthenie und GBS verbindet
- 5:45 Warum du die Erkrankung verstehen solltest
- 7:10 Erste Hinweise im Sprechen erkennen
- 10:14 Symptome, die sich im Tagesverlauf ändern
- 12:06 Seminar: Myasthenia gravis, ALS, MS, GBS & Co in der Sprachtherapie
- 13:43 Seminar: Sprachtherapie bei Parkinson-Erkrankungen
- 15:13 Parkinson: Wenig Problembewusstsein in der Therapie
- 18:25 Wie Therapieeffekte im Alltag ankommen
- 20:09 Feedback aus den Seminaren
- 22:34 Tipps für Berufsanfänger:innen
- 24:45 Was Andrea an der Neurologie motiviert
- 26:19 Ausblick und Verabschiedung
Neurologische Erkrankungen in der Akutphase: Andrea Schwindts Alltag
Andrea Schwindt arbeitet auf einer großen Akutneurologie mit einer Stroke Unit (nach ihren Worten 15 Betten) und einer Spezialstation für Menschen mit Parkinson. Sie sieht Betroffene oft wenige Stunden nach dem Ereignis und kann beobachten, wie sich Störungen verändern. Dank Lyse und Thrombektomie verschwinden viele Störungen heute komplett wieder, sagt sie. Der größte Unterschied zur Reha liegt für sie in der Therapieplanung: In der Akutphase lässt sich kaum vorausplanen, weil sich der Zustand von einem Tag auf den anderen ändern kann. Genau das findet sie spannend.
Parkinson, ALS, MS, Myasthenie und GBS: Was verbindet sie?
Gemeinsam sind diesen Erkrankungen die Sprech-, Sprach- und Schluckstörungen. Parkinson, ALS und MS sind außerdem neurodegenerativ: Die Symptomatik kann sich trotz guter Therapie verschlechtern, und damit muss die Therapie rechnen. Die anderen Krankheitsbilder verbindet vor allem, dass sie selten sind und in der Logopädie dennoch häufiger vorkommen, weil Sprache, Sprechen und Schlucken betroffen sind. Deshalb rät Andrea Schwindt, die Erkrankung hinter dem Symptom zu kennen: Wer die Pathologie versteht, weiß besser, was im Verlauf zu erwarten ist.
Neurologische Erkrankungen erkennen: Hinweise aus dem Sprechen
Menschen mit ALS kommen oft noch ohne Diagnose in die Klinik. Wenn das Sprechen betroffen ist, klingt es nuschelig, hypernasal und wird zunehmend undeutlicher. Das ähnelt zunächst stark dem Bild bei Myasthenie. Die genaue Diagnose stellen die ärztlichen Kolleg:innen, doch auch die Sprachtherapie kann Wegweiser sein. Andrea Schwindt erzählt von einem Patienten, der im Sitzen nuschelig sprach und im Liegen deutlich: ein schwaches Gaumensegel, das sich im Liegen durch die Schwerkraft anlegt, und ein Hinweis auf eine mögliche Myasthenie. Ihr Fazit: Hypothesen bilden, beobachten und die Hypothesen immer wieder hinterfragen, ein bisschen wie Detektivarbeit.
Schwankende Symptome: Begleiten statt hartes Üben
Ob sich Beschwerden im Tagesverlauf ändern, hängt von der Erkrankung ab. Bei Parkinson lässt sich die Therapie an die Uhrzeiten anpassen. Bei anderen Erkrankungen gilt: Ist das Üben zu belastend, wird es reduziert. Besonders bei ALS profitieren Betroffene nach Andrea Schwindt weniger von intensivem Training als von Aufklärung, Bewusstmachen, Alternativen und Kompensationstechniken. Die Rolle der Therapeut:innen verändert sich damit: Sie sind weniger Trainer:innen, die Funktionen verbessern, sondern begleiten und beraten fachlich kompetent, besonders wenn eine Erkrankung in die Palliation übergeht.
Sprachtherapie bei Parkinson: Dopaminmangel und leises Sprechen
Beim klassischen Parkinson sterben Nervenzellen ab, die den Botenstoff Dopamin bilden. Andrea Schwindt vergleicht ihn mit einem Briefträger, der Bewegungsimpulse vom Nerv auf den Muskel weitergibt. Fehlt er, werden Bewegungen langsamer und kleiner. Das gilt für die Schrittlänge genauso wie für Sprechmotorik und Atmung, weshalb viele Betroffene leise sprechen. Viele merken kaum, wie stark sich ihr Sprechen verändert hat und dass andere sie schlechter verstehen. Ein großer Therapiebaustein ist deshalb das Bewusstmachen, zum Beispiel mit Video- und Tonaufnahmen oder Lautstärkemessungen. Es lohnt sich, früh zu beginnen, solange die Betroffenen noch gut sprechen und kognitiv gut mitarbeiten können. In späteren Phasen rücken Begleitung und das Organisieren rund um Sprechen und Schlucken in den Vordergrund.
Was bei Parkinson im Alltag ankommt
Bewährt hat sich nach Andrea Schwindt, viel zu spiegeln („Das war zu leise“), gemeinsam zu reflektieren und mit Biofeedback zu arbeiten, damit sich das Sprechen objektivieren lässt. Wichtig ist außerdem eine ausreichende Übungsfrequenz. Ihr Vergleich: Wer den Bizeps trainieren will, hebt die Hantel nicht nur einmal. Dazu kommen Alltagsrelevanz („Wo brauchen Sie das?“) und Spaß, denn ohne Lachen zwischendurch wird es schwierig. Ein Hinweis, der ihr wichtig ist: Die Mimik bei Parkinson wirkt oft muffig oder schlecht gelaunt, ohne dass der Mensch so ist. Es lohnt sich, den Menschen hinter der Erkrankung zu suchen und wertschätzend mit ihm umzugehen.
Tipps für Berufsanfänger:innen in der Neurologie
Wer wenig Erfahrung mit neurologischen Patient:innen hat, soll sich nach Andrea Schwindt zuerst mit den Krankheitsverläufen vertraut machen. Das gibt Sicherheit. Dazu helfen freundliches Zugehen, genaues Beobachten, das Ausprobieren von Ideen und die Frage im Team, wenn du unsicher bist. Logopäd:innen hören anders zu und lassen mehr Pausen im Gespräch zu. Manchmal ist es wertvoller, fünf Minuten einfach zuzuhören, ohne zu korrigieren, als das geplante Übungsprogramm komplett durchzugehen. Das erleben viele Betroffene im Alltag sonst kaum.
Die Seminare von Andrea Schwindt bei Semifobi
- Myasthenia gravis, ALS, MS, GBS & Co in der Sprachtherapie (Online-Seminar)
- Sprachtherapie bei Parkinson-Erkrankungen (Online-Seminar)
Aktuelle Termine und Anmeldung findest du auf den jeweiligen Seminarseiten.
